Voll im falschen Film

von Wiebke Lorenz

»Voll im falschen Film« von Wiebke Lorenz – Buchcover | Buchblog der Buchleserin

Ein nüchterner Roman

Nora Stern ist Schauspielerin, Mutter, Alkoholikerin und seit drei Jahren abstinent. Bis sie in einem fremden Partykeller erwacht. Niedergeschlagen und verschleppt. Auf dem Bartresen: ein gut sortiertes Buffet. Getränke? Nichts – außer Alkohol. Nach vier Tagen kommt sie auf einer Wiese zu sich. In Freiheit, aber zurück an der Flasche. Nora muss trocken werden. Schnell. Bald stehen Dreharbeiten an, und im Sorgerechtsstreit mit ihrem Ex-Mann macht sich Trunkenheit eher schlecht. Nur: So leicht ist es nicht. Als sie sich an einer Tankstelle Nachschub besorgen will, wird sie von einem Paparazzo abgelichtet. Das kann kein Zufall sein. Sie beginnt zu ermitteln. Gegen Widerstände. Gegen alte Feinde. Und gegen eine Sucht, die geduldig auf jede Chance wartet.

Ein bitterkomischer Roman über Abhängigkeit, Demütigung und die dünne Linie zwischen Täter und Opfer.

Auszug des Klappentexts

Eine bewegende Geschichte über Alkoholsucht und den schwierigen Weg zurück ins Leben – packend, verstörend und mit einer ordentlichen Portion schwarzem Humor

Bevor wir loslegen

Der Roman »Voll im falschen Film« von Wiebke Lorenz wurde mir vom Pendragon Verlag als Leseexemplar zur Verfügung gestellt. Ich danke dem Verlag für die Gelegenheit, eine andere Seite der Autorin kennenzulernen. Schriftstellerisch ist und bleibt sie dabei ganz die Autorin, als die ich sie durch ihre bisherigen Werke kennengelernt habe.

Was genau ich damit meine, lest ihr in der folgenden Buchbesprechung. Lasst uns beginnen …

Wer ist die Autorin

Die Schriftstellerin Wiebke Lorenz war mir bisher vor allem unter ihrem Pseudonym Charlotte Lucas bekannt. Unter diesem Namen veröffentlichte sie eher romantische, teilweise tiefgründige Geschichten, in denen sie häufig die emotionalen Herausforderungen des Lebens thematisiert und ihren Figuren zugleich kleine Lebensweisheiten mitgibt. Wenn dich diese Seite der Autorin interessiert, findest du auf meinem Blog auch eine Besprechung ihres Romans »Luzie in den Wolken«.

Wiebke Lorenz studierte an der Universität Trier Germanistik, Anglistik und Medienwissenschaften. Außerdem ist sie ausgebildete Journalistin und Drehbuchautorin. Diese unterschiedlichen Erfahrungen spiegeln sich auch in ihren Geschichten wider: Ihre Szenen sind anschaulich gestaltet und regen unweigerlich das eigene Kopfkino an.

Im Jahr 2023 wurde ihr unter dem Pseudonym Charlotte Lucas veröffentlichter Roman »Dein perfektes Jahr« zur Vorlage für eine ZDF-Verfilmung. Natürlich habe ich zunächst das Buch gelesen und mir später den Film angesehen. Und ich bleibe ehrlich: Für mich hatte der Roman deutlich mehr Charme als seine filmische Umsetzung. Über die Gründe schweige ich an dieser Stelle allerdings lieber. 😉 So what!

Wiebke Lorenz lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

Wenn das Leben aus dem Ruder läuft

Buchstäblich »Voll im falschen Film« befindet sich Nora Stern. Die Schauspielerin ist Mutter von Laura und Ben und seit drei Jahren abstinent. Gleichzeitig steckt sie mitten in einem Sorgerechtsstreit mit ihrem Ex-Mann. Eigentlich scheint sie ihr Leben wieder fest im Griff zu haben.

Doch dann wird Nora beim Joggen im Park niedergeschlagen und entführt. Als sie wieder zu sich kommt, befindet sie sich in einem verschlossenen Partykeller. Ein reichhaltiges Buffet ist aufgebaut, doch bei den Getränken gibt es nur eine Auswahl: Alkohol.

Eine Zeit lang hält Nora tapfer durch. Doch schließlich übermannt sie der Durst und die Sucht. Nora trinkt – und zwar reichlich. Als sie wieder zu sich kommt, liegt sie offensichtlich betrunken im Park. Der Schock sitzt tief, denn Nora muss dringend wieder trocken werden. In wenigen Wochen beginnen die Dreharbeiten für ihre nächste Rolle, und ihr Ex-Mann darf unter keinen Umständen von ihrem Rückfall erfahren.

Die Tankstelle um die Ecke bietet zunächst alles, was Nora zu brauchen glaubt: Alkohol, um den Pegel langsam zu senken. Dort wird sie auch noch von einem Paparazzo fotografiert. Die Bilder sind im Kasten, und Noras Drama nimmt seinen Lauf.

Wird Nora den Weg zurück in ein abstinentes Leben finden? Kann sie ihren Rückfall vor der Öffentlichkeit und ihrem Ex-Mann geheim halten? Und wer hat ihr das alles angetan – und warum?

Ehrlich, authentisch, auf den Punkt

Der Roman »Voll im falschen Film« ist ein Buch, das mich sofort gepackt hat. Dass Wiebke Lorenz gekonnt mit Sprache umgehen kann, wusste ich bereits. Auch hier präsentiert sie ihren gewohnten, schnörkellosen und kurzweiligen Schreibstil – und legt gleichzeitig noch eine Schippe drauf.

Ihre Sprache, die Situationskomik und die Gedankenwelt der Hauptfigur wirken ausgesprochen authentisch. Beim Lesen möchte man gleichzeitig laut lachen, weil manche Situationen so komisch anmuten, und ist schockiert, weil das Geschehen zugleich bestürzend, verstörend und zum Verzweifeln ist.

Wiebke Lorenz hat ihrer Hauptfigur eine tragische Erkrankung auf den Leib geschrieben. Beim Lesen dachte ich immer wieder: Das wirkt so authentisch, so ehrlich und so voller Erfahrung. Nora ist aufgrund ihrer Alkoholabhängigkeit von Verzweiflung und Sucht beherrscht. Als Leserin oder Leser ist dieser verzweifelte Kampf manchmal kaum auszuhalten.

Trotzdem ist Nora keine passive Figur. Sie ist stark, kämpft, kennt die Konsequenzen ihres Handelns und will der ewigen Spirale der Sucht entkommen. Gerade diese Widersprüchlichkeit macht sie als Figur so glaubwürdig und nahbar.

Die Dosis ist das Gift

Mit dem Roman »Voll im falschen Film« beweist Wiebke Lorenz für mich großen Mut.

Noch immer ist Alkohol eine der wenigen Drogen, deren Konsum gesellschaftlich derart selbstverständlich ist, dass man sich beinahe dafür rechtfertigen muss, wenn man ihn nicht oder nur in Maßen trinken möchte. Wir kennen das berühmte Feierabendbier, das isotonische Getränk nach dem Sport und die regelmäßig im Fernsehen ausgestrahlte Werbung für Sekt in geselligen Stunden oder zu Weihnachten.
Dazu kommen der eiskalte Wodka, ohne den angeblich keine Party gelingt, der goldene Eierlikör für die liebe Oma zu Ostern und die Kiste Bier, die offenbar nötig ist, damit ein Mann sich als Mann fühlen darf. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen und darf von jeder Leserin und jedem Leser nach Belieben ergänzt werden.

Wiebke Lorenz zeigt, wie tief Alkohol in unserem Alltag und in unserer Gesellschaft verankert ist. Dabei moralisiert sie nicht, sondern führt vor Augen, wie schnell aus vermeintlicher Geselligkeit, Gewohnheit oder Belohnung ein ernsthaftes Problem werden kann.

Zwischen Erfahrung und Fiktion

Erst nachdem ich das Buch beendet hatte, las ich die Autorenvita und erfuhr, dass Wiebke Lorenz selbst alkoholkrank ist. Dieser offene Umgang mit einer so persönlichen und sensiblen Information hat mich überrascht.

Rückblickend erklärt sich für mich dadurch vielleicht, weshalb die emotionalen Konflikte sowie Noras Probleme und Handlungen so authentisch und eindringlich wirken. Während der Lektüre hatte ich mehrfach den Eindruck, dass persönliche Erfahrungswerte in die Geschichte eingeflossen sein könnten. Diese möglichen Erfahrungswerte waren für mich in Noras Geschichte förmlich spürbar.
Deshalb ist Wiebke Lorenz für mich eine mutige und starke Autorin, die unserer Gesellschaft einmal mehr gekonnt den Spiegel vorhält.

Das Glas ist halb voll

Die Geschichte hatte für mich einen echten »Suchtfaktor« – und zwar nicht wegen der Alkoholthematik, sondern weil ich das Buch einfach nicht aus der Hand legen konnte. Es ist eine Geschichte, die einen auch im Alltag weiter beschäftigt, bis man endlich weiterlesen kann.
Der Satz »Nur noch ein Kapitel« fiel während der Lektüre mehrmals in der Nacht, bis ich irgendwann doch das Licht löschen musste. Und die Zeit bis zur nächsten Leserunde erschien mir anschließend viel zu lang.

Die Nebenfiguren bleiben für mich allerdings ein Stück weit hinter Nora zurück. Sie erhält die ungeteilte Aufmerksamkeit, sodass die anderen Figuren zwangsläufig weniger Raum bekommen und nicht dieselbe Tiefe entwickeln. Trotzdem sind die wenigen wichtigen Nebenfiguren keineswegs überflüssig. Sie setzen eigene Akzente, geben Nora Halt oder bringen zusätzliche Dynamik in die Handlung. Dadurch runden sie die Geschichte ab, auch wenn sie im Vergleich zur Hauptfigur deutlich weniger präsent bleiben.

»Voll im falschen Film« ist außerdem ein Buch, das polarisieren wird. Das liegt zum einen an Nora, die mit herrlichen Ecken und Kanten ausgestattet ist. Zum anderen dürfte auch die Auflösung beziehungsweise das Ende die Leserschaft spalten. Manche werden es vermutlich als zu glatt oder zu einfach empfinden, andere vielleicht gerade als konsequent und passend.

Für mich überwiegen jedoch eindeutig die Stärken: eine glaubwürdige und widersprüchliche Hauptfigur, ein eindringlicher Blick auf die Alkoholsucht, gesellschaftliche Denkanstöße und eine Sprache, die trotz der schwierigen Thematik immer wieder Raum für Humor lässt. Deshalb erhält der Roman von mir trotz dieses kleinen Kritikpunkts verdiente fünf Sterne.

Mein Fazit

»Voll im falschen Film« hat mich mit einer authentischen Geschichte, einer starken Hauptfigur und einer gelungenen Mischung aus Humor und ernsten Tönen überzeugt. Wiebke Lorenz verleiht dem Thema Alkoholsucht eine eindringliche Stimme, ohne zu moralisieren. Ein bewegender und ungewöhnlicher Roman, der zum Nachdenken anregt und den ich gern weiterempfehle.

Meine Bewertung

5-Sterne-Bewertung
Hinweis: Werbung - Rezensionsexemplar | Vielen Dank an den Pendragon Verlag für das Leseexemplar!
ISBN:978-3-86532-968-4
Sprache:Deutsch
AusgabeTaschenbuch
Seitenzahl360
VerlagPendragon
Erscheinungsdatum:07.09.2026
Fediverse-Reaktionen

Ein Roman wie ein Thriller – und doch keiner

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