Der unsichtbare Garten

von Karine Lambert

Buchbesprechung der Buchleserin zum Roman Der unsichtbare Garten von Karine Lambert. Eine besondere Erzählung über ein wichtiges Thema.

Die Nacht hat tausend Farben

Vincent wird erblinden. Eine seltene Augenkrankheit zerstört alle Träume, alle Zukunftspläne des jungen Mannes. Rastlos arbeitet er eine Liste an letzten Abenteuern und Wünschen ab. Erst bei einem Besuch auf dem Land findet er wieder zu sich. Er will den verwilderten Gemüsegarten seines Großvaters bestellen, solange er noch sieht. Und während er jätet, gräbt und sät, tritt Nachbarin Coline zwischen seine Cosmeen und Küchenkräuter. Wenn er sich einer Fremden öffnen kann, dann vielleicht auch einer Welt in neuen Farben?

Eindringlich und federleicht zugleich erzählt Bestsellerautorin Karine Lambert von einem Neuanfang und der heilenden Kraft der Natur.

Auszug des Klappentexts

Ein leiser Roman über drohenden Sehverlust, Erinnerungen und Hoffnung in der Dunkelheit: sehr emotional und ohne Kitsch.

Kurz vorweg

Heute stelle ich euch den etwas älteren Roman »Der unsichtbare Garten» von Karine Lambert vor. Ich habe ihn selbst in einer Bücherkiste entdeckt, und die Idee zur Geschichte hat mich sofort fasziniert. Allein der Gedanke, sein Augenlicht zu verlieren und in die Dunkelheit zu entschwinden – und dann zum Beispiel die blühenden Blumen im Garten nicht mehr sehen zu können oder sich nicht mehr gemütlich mit einem Buch in den Schatten des Apfelbaums zurückzuziehen – ist doch gruselig, oder? Genau darum geht es in diesem Buch: um den Umgang mit dem drohenden Verlust und darum, was trotzdem bleibt.

Wer steckt hinter der Geschichte?

Karine Lambert ist eine belgische Schriftstellerin und Fotografin. Bei dieser Geschichte zeigt sie ihren Blick für das Menschliche: verletzlich, ehrlich, manchmal überraschend leicht. Für mich war sie bisher völlig unbekannt, und genau das liebe ich an solchen Entdeckungen in Bücherkisten: Man stößt auf Stimmen, die man noch nicht auf dem Schirm hatte.

Nach ihrem Debüt »Das Haus ohne Männer« gelang ihr der internationale Durchbruch mit »Und jetzt lass uns tanzen«, der in viele Sprachen übersetzt wurde und auch in Deutschland lange auf den Bestsellerlisten stand. Heute lebt sie wieder in ihrer Heimatstadt Brüssel.

Über das Schreiben sagt sie selbst: »Das Schreiben bringt Ordnung in meine Emotionen, einen Raum der Freiheit, und ich lebe all die Leben, die ich niemals leben werde. Ich bin der Reihe nach Ballerina, Zoowärterin oder ein hundert Jahre alter Baum.« Das erklärt vermutlich auch, warum mich dieses Buch so angesprochen hat. 😊

Wenn aus einer Tragödie, Hoffnung erwächst

In Lamberts Erzählung »Der unsichtbare Garten» erfährt Vincent, ein ehemaliger Tennisprofi und Trainer, dass er an einer seltenen Augenkrankheit leidet und sein Augenlicht in wenigen Wochen verlieren wird. Damit geraten seine Zukunftspläne stark durcheinander. Doch anstatt nur abzuwarten, arbeitet er rastlos eine selbst erstellte Liste mit letzten Wünschen und »Abenteuern« ab und versucht, auf seiner letzten großen Reise so viele Bilder und Erinnerungen wie möglich einzufangen.
Letztlich führt ihn diese Reise an einen vertrauten Ort aus seiner Kindheit. Dort lebt er nun im Haus seines verstorbenen Großvaters Papagui und stellt fest, dass das Leben mit einer Sehbehinderung voller Hürden ist. Während seine Sehkraft immer mehr schwindet, nimmt er immer wieder den verwilderten Garten seines Opas wahr. Mit jedem Tag entwickelt sich dabei etwas Neues: Vertraute Bilder aus früheren Zeiten, die besonderen Erinnerungen an seinen Papagui und die Arbeit im Garten eröffnen ihm neue Perspektiven.
Mit der Unterstützung seines Freundes Arnaude und der jungen Nachbarin beginnt Vincents Zurückhaltung langsam zu bröckeln. So entsteht eine Verbindung, die zeigt, wie Hoffnung wachsen kann, selbst wenn vieles ungewiss ist.

Licht und Schatten: Manchmal entscheiden Nuancen

Den Schreibstil von Karine Lambert beim Roman »Der unsichtbare Garten« empfand ich als angenehm: kurzweilig und flüssig zu lesen. Vor allem hat die Autorin die Emotionen stark herausgearbeitet. Man spürt Vincents Verzweiflung, ohne dass es überzogen wirkt – und genau das macht das Buch so mitnehmend.

Auch das gewählte Setting hat mir gut gefallen. Allerdings hätte ich mir im Verlauf ein bisschen mehr vom »unsichtbaren Garten« gewünscht. Gleichzeitig glaube ich, dass das dramaturgisch nicht mehr Raum bot, weil der Fokus klar auf Vincents innerem Wandel und dem Umgang mit seiner neuen Realität liegt.

Die Figuren sind insgesamt eher dezent gezeichnet. Dadurch hat man als Lesende genug Platz für die eigene Vorstellung. Trotzdem bleiben dadurch für mich nicht alle Figuren gleich präsent: Der Protagonist ist mir nicht ganz so ans Herz gewachsen, wie ich es mir gewünscht hätte. Mich haben eher die Nebenfiguren wie Coline oder Arnaud fasziniert. Gerade bei ihnen hätte ich mir stellenweise mehr Raum für ihre Wirkung gewünscht. Natürlich dreht sich die Geschichte vor allem um Vincent und seine Erblindung – aber ein wenig mehr literarischen Platz für diese wichtigen Sidekicks hätte für mich die Wirkung noch deutlich erhöht.

Das Thema der Erzählung »Der unsichtbare Garten« hat mich dagegen sehr überzeugt. Plötzlich zu erblinden, das kann man nicht einfach »wegpacken«: Man ist traurig, wütend und auch ängstlich. Und auch das Umfeld, die Familie, das gesamte Gefühlsleben rund um das Schicksal, wird spürbar mitgedacht.

Besonders gefallen haben mir außerdem die Passagen rund um Selbsthilfegruppen. Als sehender Mensch macht man sich über die einfachsten Dinge oft zu wenig Gedanken – diese Stellen haben das bei mir richtig sichtbar gemacht. Insgesamt arbeitet das Buch mit echten Emotionen, nicht mit Floskeln. Und genau das fand ich toll.

Mein Fazit

»Der unsichtbare Garten« von Karine Lambert ist für mich ein besonderer Roman, der mit feinem Gespür für Emotionen, glaubwürdiger Stimmung und einem starken Thema überzeugt. Gerade weil vieles eher leise angelegt ist, bleibt der Blick für das Wesentliche, und für die Hoffnung, die auch in der Dunkelheit wachsen kann.

Wer die eher leisere Geschichte mit besonderen Themen sucht, dem kann das Buch wirklich gefallen. Es ist kein Page-Turner, eröffnet aber den Blick in eine Welt, die den meisten verborgen bleibt.

Meine Bewertung

4-Sterne-Bewertung | Buchblog der Buchleserin
Hinweis: Keine bezahlte Werbung. 
Coverabbildung: © Diana Verlag, verwendet im Rahmen der Buchbesprechung | Rezension
ISBN:978-3-453-36112-6
Sprache:Deutsch
AusgabeTaschenbuch
Seitenzahl304
VerlagDiana
Erscheinungsdatum:13.12.2021
Fediverse-Reaktionen

Ein Roman über Verlust und neue Wege im Leben

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