Ferryman
von Justin Cronin
Der Tod ist nur der Anfang
In einem riesigen Ozean, idyllisch abgeschieden vom Rest der Menschheit, liegen die Inseln von Prospera. Die Bewohner genießen ein unbeschwertes Leben voller Privilegien, umsorgt von dienendem Hilfspersonal. Neigt sich ihre Lebenszeit dem Ende zu, werden sie auf eine geheimnisvolle Nachbarinsel geschickt, um dort neu gebootet zu werden und ein weiteres Leben zu beginnen. Proctor Bennett ist der Fährmann, der die Prosperaner dorthin geleitet. Er hat seine Arbeit nie infrage gestellt, bis er eines Tages eine kryptische Nachricht erhält, die bestätigt, was er insgeheim immer befürchtet hat – eine Wahrheit, die das Schicksal der Menschheit auf ewig verändern wird.
Auszug des Klappentexts
Hinter der Fassade des Paradieses: Ein genialer Sci-Fi-Thriller, der einen bis zur letzten Seite in Atem hält.
Bevor wir einsteigen
Mit dem Roman »Ferryman« feiere ich meine persönliche Premiere: Es ist mein allererstes Buch von Justin Cronin. Obwohl bereits weitere Werke des Autors in meinen Bücherregalen auf ihren Einsatz warten, wollte ich dieses hier unbedingt sofort lesen. Das Thema hat mich direkt angesprochen, und da ich schon länger keine dystopische Geschichte mehr rezensiert habe, war die Neugier riesig. Vor allem die Frage, was sich hinter dem scheinbaren Paradies verbirgt, wollte ich unbedingt ergründen. Los geht’s!
Der Fährmann der Geschichte
Justin Cronin, geboren 1962, studierte an der Harvard University und absolvierte den renommierten Iowa Writers‘ Workshop. Er arbeitet heute als „Writer-in-Residence“ an der renommierten Rice University in Texas, wo er kreatives Schreiben unterrichtet. Der breiten Masse wurde er vor allem durch seine monumentale, apokalyptische »Passage-Trilogie« (beginnend mit »Der Übergang«, 2010) weltweit bekannt. Seine Werke zeichnen sich durch einen epischen Erzählstil aus und wurden mehrfach ausgezeichnet sowie für große Film- und Serienprojekte adaptiert. Im Jahr 2019 erschien die aufwendig produzierte Mystery-Thriller-Serie »The Passage« auf dem US-Sender FOX. (Hier mehr erfahren.). Mit »Ferryman« wendet er sich nach dem Vampir-Horror nun einem dystopischen Science-Fiction-Szenario zu.
Das Paradies auf Erden?
Die idyllische Inselgruppe Prospera liegt isoliert inmitten eines riesigen Ozeans – bestehend aus den drei Inseln Prospera, Annex und Nursery. Abgeschirmt von der Außenwelt genießen die wohlhabenden Bewohner hier ein sorgenfreies Leben voller Luxus und Perfektion, umsorgt von einer dienenden Arbeiterklasse. Auch wenn ihnen ein langes Leben vergönnt ist: Unsterblich sind sie nicht. Wenn die Lebensuhr der Bewohner abläuft, werden sie diskret aufgefordert, sich auf die Nachbarinsel Nursery zu begeben. Dort werden sie physisch erneuert, ihr Gedächtnis wird gelöscht, um schließlich in einem neuen Körper frisch »neu zu booten«.
Hier kommt Proctor Bennett ins Spiel. Er arbeitet als »Fährmann« und begleitet die Menschen bei diesem finalen Übergang. Proctor hat dieses perfekt durchorganisierte System nie infrage gestellt – bis zu dem Tag, an dem alles aus den Fugen gerät. Er erhält den Auftrag, eine ihm nahestehende Person auf ihrem letzten Weg zu geleiten. Doch bei diesem besonderen Auftrag verläuft nichts wie geplant: Am Ende steht Proctor mit einer kryptischen, verstörenden Nachricht da. Als er kurz darauf auch noch beginnt, verbotenerweise zu träumen, gerät seine Welt ins Wanken. Er beginnt zu ahnen, dass das vermeintliche Paradies auf einer gigantischen Lüge aufgebaut ist, und begibt sich auf eine gefährliche Suche nach der Wahrheit. Kann Proctor die rätselhafte Botschaft decodieren? Und warum sind Träume auf Prospera eine Gefahr?
Ein gigantisches Puzzle: Worldbuilding und Stil
Justin Cronin hat für seinen Roman »Ferryman« ein absolut faszinierendes Worldbuilding betrieben. Die Inselwelt und alle damit verbundenen Mechanismen sind so anschaulich beschrieben, dass man als Lesender ein umfassendes Bild vor Augen hat – während gleichzeitig genug Freiraum bleibt, um die eigene Fantasie fliegen zu lassen. Mich hat die Geschichte jedenfalls sofort gepackt.
Die Figuren werden glaubwürdig skizziert – nicht zu viel und nicht zu wenig, wobei naturgemäß einige Charaktere mehr hervorstechen als andere. Der Hauptprotagonist Proctor Bennett ist überaus gelungen gestaltet. Man spürt seinen inneren Zwiespalt, all seine Fragen und seinen persönlichen Kampf, das Richtige zu tun – selbst dann, wenn er genau das gerade nicht tut.
Besonders aufgefallen ist mir der Schreibstil. Er ist angenehm anders: natürlich flüssig, aber auch etwas verspielt. Das passt perfekt zu dem gigantischen Puzzle, als das sich die Erzählung präsentiert. Beim Lesen habe ich logischerweise immer wieder gegrübelt, wohin sich die Geschichte entwickeln könnte. Jedes Mal, wenn ich glaubte, einen Ansatz ausgemacht, den Autor durchschaut und den weiteren Verlauf erraten zu haben – zack, änderte Cronin radikal die Richtung. Ich gebe offen zu, dass dieses clevere Spiel mit den Erwartungen ein wenig frustrierend war – allerdings auf eine absolut positive und fesselnde Art und Weise! Mehr als einmal ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass sich dieses Buch wie ein fertiges Drehbuch liest. Ich hoffe wirklich inständig, dass das Werk irgendwann verfilmt wird.
Mehr als nur eine Geschichte
Ein riesiger Pluspunkt war für mich außerdem, dass Cronin in seiner Erzählung sehr gekonnt gesellschaftskritische Töne anschlägt. Die strikte Trennung zwischen den wohlhabenden Prosperanern und ihrem Hilfspersonal auf Annex regt stark zum Nachdenken an. Der Autor muss dafür gar nicht tief in die erzählerische Trickkiste greifen, es reicht völlig aus, mit offenen Augen durch unsere eigene Welt zu spazieren und die real existierenden Missstände für die Dystopie zu adaptieren.
Ich kann mir durchaus vorstellen, dass manche Lesende ihre Probleme mit »Ferryman« haben werden. Es ist eben keine klassische, geradlinige Start-Ziel-Erzählung. Die Geschichte schweift aus, fügt komplexe Nebenschauplätze ein, und manche Fäden dürfen am Ende lose im Wind der tosenden See wehen. Für mich ist es ein Buch, das mutig große Fragen eröffnet, aber nur wenige davon mundgerecht beantwortet. Das Ergebnis ist unkonventionell, im ersten Moment vielleicht etwas irritierend, aber letztlich überaus glaubwürdig und intensiv.
Mein Fazit:
»Ferryman – Der Tod ist nur der Anfang« ist keine Dystopie von der Stange, sondern ein intellektuelles und bildgewaltiges Leseerlebnis. Wer ein perfekt durchgeplantes Sci-Fi-Puzzle mit gesellschaftlichem Tiefgang und unvorhersehbaren Wendungen sucht, wird dieses Buch lieben. Ein echtes Highlight, das mich sicher noch eine Weile beschäftigen wird.
Meine Bewertung

Hinweis: Keine bezahlte Werbung.
Coverabbildung: © Goldmann Verlag, verwendet im Rahmen der Buchbesprechung
| ISBN: | 978-3-442-49642-6 |
| Sprache: | Deutsch |
| Ausgabe | Taschenbuch |
| Seitenzahl | 720 |
| Verlag | Goldmann |
| Erscheinungsdatum: | 21.05.2025 |
Eine meisterhafte Dystopie über die Illusion von Freiheit

