Tangerinn
von Emanuela Anechoum
Zwischen Heimat und Ferne – eine Suche nach Zugehörigkeit
Omars kleine Bar an der südlichsten Spitze Italiens hat wenig von Ihrem berühmten Vorbild, dem sagenumwobenen Tangerinn in Marokko, und dennoch ist sie ein Stück Heimat für all diejenigen, die übers Meer gekommen sind, um in Europa ein neues Leben zu beginnen. Nun ist Omar gestorben und Mina, die jüngste Tochter, die schon lange in London lebt, muss sich mit seinem Erbe und ihrer schwierigen Herkunftsfamilie auseinandersetzen. Wird sie in der alten Heimat endlich eine Antwort auf die Frage finden, wer sie ist und was sie wirklich will?
Auszug des Klappentexts
Zwischen Herkunft und Identität: ein eindringlicher gesellschaftskritischer Roman aus Italien
Ein paar Worte vorweg
Was bleibt übrig, wenn der Mensch stirbt, der die einzige Brücke zu deiner eigenen Geschichte war? Als Minas Vater stirbt, hinterlässt er nicht nur eine staubige Bar in Kalabrien, sondern ein Chaos aus Fragen über Migration, Armut und das Schweigen einer ganzen Familie. Ich habe Emanuela Anechoums Debüt »Tangerinn« gelesen und mich gefragt: Kann man vor seiner eigenen Geschichte weglaufen?
Bevor ich tiefer in Minas Welt eintauche, möchte ich mich ganz herzlich beim nonsolo Verlag für das Rezensionsexemplar bedanken. Dass dieses Buch seinen Weg zu mir gefunden hat, war ein echtes Glück, denn es thematisiert Dinge, die mich schon lange umtreiben: Die Suche nach der eigenen Identität in einer Welt, die einen oft in Schubladen steckt.
Die Stimme hinter der Geschichte
Bevor ich ausführlich das Buch »Tangerinn« bespreche, lohnt sich ein Blick auf die Frau, die diese gewaltigen Themen so präzise in Worte gefasst hat. Emanuela Anechoum wurde in Reggio Calabria geboren und lebt heute in Rom. Nach ihrem Studium arbeitete sie im Verlagswesen in London, um später nach Italien zurückzuziehen. Ein Lebensweg, der sich vermutlich stark in der inneren Zerrissenheit ihrer Protagonistin Mina widerspiegelt.
Anechoum, die selbst marokkanisch-italienische Wurzeln hat, arbeitet als Lektorin und weiß daher genau, wie man Sprache als scharfes Werkzeug einsetzt. »Tangerinn« ist ihr Debütroman, mit dem sie in Italien bereits für eine kleine literarische Sensation gesorgt und mehrere Preise gewonnen hat, darunter 2024 den Premio Mastercard Esordienti und den Premio Selezione Bancarella.
Mit einer Mischung aus journalistischer Beobachtungsgabe und tiefer Poesie gibt sie jenen Menschen eine Stimme, die oft zwischen den Welten verloren gehen.
Worum geht es in »Tangerinn«?
Mina lebt in London, doch es ist längst nicht das glamouröse London der Hochglanzmagazine oder wie sie auf ihrem Instagram-Profil vorgaukelt. Sie schlägt sich mit einfachen Jobs durch und wohnt zur Untermiete bei Elisabeth (kurz Liz). Die Mitbewohnerin ist zu einer Konstante geworden, in einer Welt, in der sie sich oft wie eine Statistin fühlt. Als die Nachricht vom Tod ihres Vaters eintrifft, bricht das fragile Kartenhaus ihres Lebens endgültig zusammen.
Sie kehrt zurück nach Kalabrien, in das Dorf ihrer Kindheit. Dort wartet nicht nur ihre schwerkranke Mutter und eine entfremdete Schwester auf sie, sondern auch das Erbe ihres Vaters: das »Tangerinn«, eine heruntergekommene Bar, die seit Jahren ein beliebter Zufluchtsort für Migranten in der Region war. Zwischen klebrigen Tischen und alten Erinnerungen begreift Mina, dass sie ihren Vater nie wirklich kannte – und dass ihre Flucht nach London vielleicht nur der Versuch war, einer Geschichte zu entkommen, die sie nun in Kalabrien mit voller Wucht wieder einholt.
Ein paar Gedanken zu Schreibstil & Charakteren
Der Schreibstil von Emanuela Anechoums in »Tangerinn« ist wie ein Seziermesser: scharf, direkt, und manchmal tut es beim Lesen weh. Sie schönt nichts, weder die bedrückende Enge im Haus der kranken Mutter noch die bittere Realität der Armut. Ihre Erzählweise hat mich tief beeindruckt. Der Text liest sich stellenweise wie ein langer, intimer Brief an den verstorbenen Vater, was dem Ganzen eine enorme emotionale Tiefe verleiht. Es ist kein Buch, das man einfach „wegliest“. Es ist eine atmosphärische Gesellschaftskritik, die wehtut und nachhallt.
Besonders hängen geblieben ist mir die Darstellung der Migration. Die Autorin zeigt ungeschönt die Armut der Familien in Marokko und den verzweifelten Versuch, durch das Weggehen die Angehörigen zu stützen, nur um in der Ferne permanent mit dem Fremdsein konfrontiert zu werden. Diese Suche nach Zugehörigkeit zieht sich durch alle Figuren und die komplexe Dynamik zwischen der kranken Mutter, der Großmutter und den Schwestern.
Die Charaktere sind vielschichtig und eindrucksvoll gezeichnet:
Die Hauptprotagonistin Mina ist geprägt durch stetige Zweifel. Ihre oft irritierenden Handlungen machen den Roman zu einer psychologischen Charakterstudie. Das ist beim Lesen bisweilen anstrengend, wirkt aber authentisch.
Ihre Schwester Aisha ist nur eine Nebenfigur, aber der stille Fels in der Brandung. Während Mina flieht, bleibt sie die Konstante, die alles zusammenhält.
Der Vater Omar bleibt als Figur im Hier und Jetzt diffus, doch durch die Rückblicke setzen wir als Leser*innen das Puzzle seiner Existenz langsam zusammen.
»Tangerinn« ist ein Buch mit Ecken und Kanten, das unbequeme Fragen nach der eigenen Identität aufwirft:
»Wohin verschwinden die Versionen von uns, die wir im Lauf der Zeit ablegen, die überflüssigen, langweiligen, kindischen, die nicht ausreichend interessanten, die ignoranten, egoistischen, die uns eigentlich ausmachen « (Seite 152)
Der Roman »Tangerinn« gibt keine einfachen Antworten, sondern hält den Schmerz der stetigen Suche aus. Die Autorin präsentiert uns die Realität einer Gesellschaft, die wegsieht, wenn es unbequem wird:
»Kaum waren die Migranten außer Lebensgefahr, wurden sie wie Schmutzwasser auf die Straße gekippt, ignoriert, marginalisiert, dem Tod durch andere Tode preisgegeben. So sah christliche Nächstenliebe aus.« (Seite 171)
Ein schmaler Grat der Emotionen
Der Debütroman »Tangerinn« ist eine eindringliche Erzählung, für mich jedoch kein Pageturner. Immer wieder habe ich das Buch beiseitegelegt, weil ich vom emotionalen Dauerfeuer eine Pause brauchte. Die Figur Mina ist vielschichtig und intensiv gezeichnet, wirkte in ihren Gedanken und Handlungen auf mich stellenweise jedoch auch fordernd. Bitte nicht falsch verstehen: Die Autorin zeichnet Mina differenziert und nahbar, und ich erkenne klar die erzählerische Absicht. Dennoch ist es ein schmaler Grat zwischen emotionaler Wucht und erzählerischer Tiefe auf der einen und Überforderung auf der anderen Seite. Es ist ein bisschen wie ein Pendel: Schwingt es ruhig, stimmt das Tempo – schlägt es weiter aus, kann es schnell zu viel werden.
Mein Resümee
»Tangerinn« ist keine leichte Lektüre für zwischendurch, sondern ein Werk, das den Finger tief in die Wunde legt. Emanuela Anechoum verknüpft brandaktuelle Themen zu einem dichten, emotionalen Netz. Es ist genau die Art von mutiger Literatur, die ich mir öfter wünsche: ungeschönt und atmosphärisch. Einzig die Hauptfigur Mina war mir an manchen Stellen eine Spur zu überspitzt gezeichnet, was den Lesefluss für mich zeitweise etwas anstrengend machte. Dennoch: Ein wichtiges Buch, das im Kopf bleibt.
Meine Bewertung

Hinweis: Werbung - Rezensionsexemplar | Vielen Dank an den nonsolo Verlag für das Leseexemplar!
| ISBN: | 978-3-947767-33-5 |
| Sprache: | Deutsch |
| Ausgabe | Taschenbuch |
| Seitenzahl | 288 |
| Verlag | nonsolo Verlag |
| Erscheinungsdatum: | 27.02.2026 |
Ein intensiver Debütroman einer starken Stimme aus Italien

