Views
von Marc-Uwe Kling
Ein schockierendes Verbrechen – und alle werden es sehen
Die 16-jährige Lena Palmer verschwindet spurlos. Drei Tage später taucht sie in einem verstörend brutalen Video wieder auf, welches in atemberaubendem Tempo viral geht.
BKA-Kommissarin Yasira Saad soll Lena finden und die Täter identifizieren. Ihr bleibt wenig Zeit, denn schon gibt es erste gewalttätige Demonstrationen in deutschen Städten. Eine rechtsradikale Gruppierung namens »Aktiver Heimatschutz« gewinnt rasant an Zulauf. Kann Yasira die Täter verhaften, bevor der Lynchmob zuschlägt und der Rechtsstaat zu wanken beginnt?
Auszug des Klappentexts
Wenn Fiktion so erschreckend real ist – Gänsehaut pur
Ein paar Worte vorweg
Der Roman »Views« von Marc-Uwe Kling lag schon einige Zeit auf meinem Stapel der ungelesenen Bücher. Doch plötzlich rückte es direkt in meinen Fokus. Denn die aktuelle Berichterstattung in den letzten Wochen um das Thema zu digitaler und realer Gewalt an Frauen hat mich ziemlich beschäftigt und erinnerte mich daran, dass der Thriller »Views« noch gelesen werden will.
Das Taschenbuch erschien Ende Mai 2025, dass der Autor das Buch geschrieben hat, liegt dementsprechend noch länger zurück, und dennoch ist die Geschichte so erschreckend aktuell.
Kleiner Spoiler vorweg: Ich habe das Buch in nur wenigen Stunden verschlungen, weil es der Realität so nahekommt. Auf in die dunklen Abgründe unserer Gesellschaft …
Marc-Uwe Kling, so gar nicht lustig
Der Autor ist im deutschsprachigen Raum schon lange kein Unbekannter mehr: Seine Känguru-Chroniken, die zunächst als Podcast veröffentlicht wurden, und deren Folgebände sind inzwischen einem breiten Publikum bekannt und wurden bereits verfilmt. Mit »QualityLand« betrat Kling 2017 die Bühne als Romanautor, 2020 veröffentlichte er gemeinsam mit seinen Zwillingstöchtern den Fantasyroman »Der Spurenfinder«.
Marc-Uwe Klings Vorgeschichte war mir allerdings neu: Er wurde 1982 in Stuttgart geboren, zog Anfang der 2000er nach Berlin und studierte dort Philosophie und Theaterwissenschaft. In der Hauptstadt war er ab der Zeit auch auf Lesebühnen und bei Poetry Slams dabei. 2006 und 2007 gewann er sogar in der Einzelwertung bei den deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften. Er ist außerdem Liedermacher, der mit gesellschaftskritischen Texten auf Probleme wie Schnelllebigkeit und berufliche Ausbeutung aufmerksam macht.
Mit »Views« hat Marc-Uwe Kling nun seinen ersten Thriller veröffentlicht und meint es damit wirklich ernst. Todernst.
Zündstoff, schwer verdaulich
Das schlichte Cover spricht eine Triggerwarnung aus, die man auf den ersten Blick als reißerisch bezeichnen könnte: »Sensible Inhalte«, steht da, »Dieses Buch enthält Inhalte, die manche Personen als verstörend empfinden könnten.« Mein Kopfkino ist schon ziemlich bunt, und die Warnung bereitete mir zumindest ein wenig Magengrummeln. Ich habe kein Problem mit den Brutalitäten in George R. R. Martins »Das Lied von Eis und Feuer«, schließlich ist das Fantasy und Fiktion. Auf dem Cover eines zeitgenössischen Gesellschaftsromans jedoch …
Klassische Ermittlungsarbeit in einem Highspeed-Milieu
Die Triggerwarnung ist angebracht: Trotz knapper Beschreibungen schafft es der Autor, drastische Bilder in meinem Kopf zu erzeugen und mich damit tief ins Geschehen zu ziehen. Zum Luftholen bleibt beim Lesen von Yasira Saads Ermittlungen nicht viel Zeit. Kaum ist sie einen Schritt weitergekommen, hat ihr Team Verdächtigungen ausgemacht, überschlagen sich die Ereignisse.
Neue Videos tauchen auf, in denen eine Gruppierung namens »Aktiver Heimatschutz« Selbstjustiz übt und damit weiteres Öl ins bereits lodernde Feuer gießt. Die sozialen Medien verbreiten Neuigkeiten, ob wahr oder nicht, Fakten oder Fake, schneller als die Behörden reagieren können.
Viel mehr zur Handlung kann ich hier nicht schreiben, ohne zu spoilern. Die Story nimmt schnell Fahrt auf und vollführt einige wirklich krasse Wendungen.
Passend zum Tempo und zum Stil des Romans kommt das Ende dann ziemlich schnell, abrupt, und lässt einige Fragen offen. Bei anderen Werken stört mich das, hier wirkt der Schluss wie die Einladung des Autors, die Fäden gedanklich weiterzuspinnen und sich selbst tiefer mit Themen wie der Manipulation durch Medien zu befassen.
Das alles könnte passieren
Das oben genannte Magengrummeln bleibt, aber aus anderen Gründen: Man vergisst beim Lesen schnell, dass das, was der Autor in »Views« schreibt, Fiktion ist. Auf fast jeder Seite wächst der Eindruck, Marc-Uwe Kling beschreibt echte Ereignisse und ein realistisches Bild unserer Gesellschaft und Gegenwart. Vielleicht greift er ein wenig in die Zukunft vor, aber besonders die oben angedeuteten Wendungen, die einen beim Lesen des letzten Drittels überrumpeln, klingen heute, nur wenige Monate nach Erscheinen des Taschenbuchs, nicht so sehr nach Science-Fiction.
Mein Fazit
Ich mach’s kurz: unbedingt lesen! »Views« liefert einen starken Impuls, sich mit der vielzitierten Spaltung der Gesellschaft auseinanderzusetzen und kritisch zu prüfen, welche Macht dabei die Medien haben, nicht nur die so genannten sozialen.
Meine Bewertung

Hinweis: Keine bezahlte Werbung.
Coverabbildung: © Ullstein Verlag, verwendet im Rahmen der Buchbesprechung
Triggerwarnung | Content note: Dieses Buch enthält Inhalte, die manche Person als verstörende empfinden könnten (u. a. Gewalt gegen Frauen).
| ISBN: | 978-3-548-07369-9 |
| Sprache: | Deutsch |
| Ausgabe | Taschenbuch |
| Seitenzahl | 272 |
| Verlag | Ullstein |
| Erscheinungsdatum: | 30.05.2025 |
Schockierend nah an der Wirklichkeit: mehr als eine Warnung

