Der Gott des Waldes
von Liz Moore
„Wenn du dich verläufst: Setz dich hin und schrei!“
Manche sagen, es sei tragisch, was den Van Laars widerfahren ist.
Auszug des Klappentexts
Manche sagen, die Familie habe es verdient. Sie hätten sich nicht einmal bei den Suchern bedankt, die fünf Nächte lang im eiskalten Wind ausharrten, um ihren vermissten Sohn zu finden.
Manche sagen, es habe einen Grund gegeben, warum die Familie so lange brauchte, um Hilfe zu rufen. Dass sie wussten, was mit dem Jungen geschehen war.
Jetzt, vierzehn Jahre später, ist die Tochter der Van Laars in derselben Wildnis wie ihr Bruder verschwunden.
Manche sagen, es gebe keine Verbindung zwischen den beiden Fällen.
Manche sagen, so etwas könne kein Zufall sein.
Ein literarisch kritischer Blick auf die amerikanischen Gesellschaftsstrukturen – voll leiser Spannung und erzählerischer Wucht
Gleich zu Beginn
Heute will ich nicht lange um den heißen Brei reden: Für mich gehört Liz Moores Roman »Der Gott des Waldes« zu meinen bisherigen literarischen Höhepunkten des Jahres.
Warum das so ist, verrate ich euch gern…
Die Autorin, die einen packt
Liz Moore wurde 1983 in Boston geboren. Sie studierte ab 2005 am Barnard College in Manhattan und 2009 schloss mit einem Master in Kreativem Schreiben ihre Studien am Hunter College in New York ab.
Noch während ihrer Studienzeit veröffentlichte sie 2007 das Folk-Musikalbum »Backyards« und ebenfalls 2007 ihren Debütroman »The Words of Every Song«. Doch erst mit dem im Jahr 2020 erschienen Bestseller »Long Bright River« gelang ihr der Durchbruch als Schriftstellerin. Der Roman wurde 2025 als Miniserie mit Amanda Seyfried in der Hauptrolle verfilmt.
Der heute besprochene Roman »Der Gott des Waldes« gewann 2024 den Jimmy Fallon Summer Book Club und stand auf Barack Obamas Leseliste. Respekt!
Sie lebt mit ihrer Familie in Philadelphia, wo sie inzwischen an der Temple University unterrichtet.
Wenn die Zeit Geheimnisse überdauert
Es ist August 1975 – ein Sommer in den Adirondack Mountains, der alles verändern wird. Eines Morgens ist das Bett der aufgeweckten 13-jährigen Barbara im Sommercamp leer, und von ihr fehlt jede Spur. Sofort beginnt die verzweifelte Suche nach dem Mädchen. Das Verschwinden eines Camp-Teilnehmers ist für das abgeschiedene Naturreservat eine Katastrophe, doch Barbara ist kein gewöhnliches Mädchen: Sie gehört zur reichen Familie Van Laar, die das Camp und das umliegende Land besitzt. Außerdem ist sie die kleine Schwester von Bear, der vor 14 Jahren ebenfalls spurlos verschwand.
Zufall oder Schicksal? Was wissen die anderen Kinder über Barbaras Verschwinden, und welche Geheimnisse verbergen die Angestellten des Camps im Schatten der mächtigen Familie? Was hat der aus dem Gefängnis entflohene »Schlitzer« mit all dem zu tun? Und dann ist da noch die Frage: Welche Familiengeheimnisse treten bei den Ermittlungen noch ans Licht?
Die Kunst des Erzählens
Den Roman »Der Gott des Waldes« habe ich schon länger im Blick gehabt. Und dann stand er da in einer kleinen, inhabergeführten Buchhandlung mit einer handgeschriebenen Notiz Ein Jahreshighlight, und wieder habe ich in das Buch hineingelesen, die Kraft in den Zeilen gespürt. Den Sog – und ich musste es endlich kaufen.
Liz Moore erzählt in »Der Gott des Waldes« eine packende und atmosphärisch dichte Geschichte, die sowohl als Mystery-Thriller als auch als psychologischer Gesellschaftsroman funktioniert.
Ihre Sprache ist klar und präzise, aber zugleich poetisch angehaucht, um die düstere und geheimnisvolle Stimmung in den Adirondack Mountains einzufangen. Beim Lesen der Geschichte taucht man ein in kurze, pointierte Beschreibungen und wechselt direkt in stimmungsvolle und gedankliche Passagen der Protagonisten, wodurch ein Rhythmus entsteht, der Spannung aufbaut und gleichzeitig Raum für Reflexion lässt.
Im Schatten der Adirondacks
Der Schreibstil zeichnet sich besonders durch seinen subtilen Aufbau von Spannung und Andeutungen aus. Moore verzichtet auf allzu offensichtliche Enthüllungen, sondern lässt das Geschehen oft aus der Wahrnehmung der Figuren wachsen. Dadurch entsteht ein feines Spannungsnetz, in dem die Bedrohung und die Geheimnisse der Familie Van Laar nach und nach sichtbar werden.
Ein weiteres genutztes Stilmittel ist der Perspektivwechsel. Die Handlung wird aus mehreren Blickwinkeln und auf zwei Zeitebenen (1961 und 1975) erzählt. So taucht man in das Leben ausgewählter Kinder des Camps oder in das einiger Angestellter des Camps und in die Familienverhältnisse der Van Laars selbst ein.
Diese multiplen Perspektiven erlauben einen vielschichtigen Einblick in die Gedanken, Ängste und Geheimnisse der Figuren, dadurch steigt sukzessive die Spannung, weil der Leser Informationen erhält, die die Charaktere selbst oft noch nicht vollständig kennen.
Die Figurenzeichnung ist differenziert: Moore verleiht ihren Charakteren Tiefe, indem sie nicht nur äußere Handlungen, sondern auch innere Konflikte und persönliche Traumata beschreibt. Barbara van Laar als zentrale Figur ist dabei clever, neugierig und widersprüchlich zugleich – ein Mädchen, das sich zwischen kindlicher Verletzlichkeit und einer erstaunlichen Reife bewegt. Auch die Erwachsenen, von den Eltern bis zu den Camp-Mitarbeitern, werden nicht eindimensional gezeichnet, sondern tragen Geheimnisse und innere Konflikte in sich, die nach und nach enthüllt werden.
Mir hat besonders das Zusammenspiel aus atmosphärischer Dichte, psychologischer Tiefe und einer fesselnden, gut durchdachten Handlung gefallen. Die vielschichtige Kombination aus Sprache, multiplen Perspektiven, sorgfältiger Figurenzeichnung und bewusst dosiertem Spannungsaufbau macht diesen Roman zu einem fesselnden Lesegenuss, der sowohl emotional berührt als auch rätselhaft fasziniert.
Mein Resümee
Für mich ist der Roman »Der Gott des Waldes« ein wahrer Pageturner!
Die Autorin versteht es meisterhaft, eine gesellschaftskritische Erzählung mit einem fesselnden Thriller zu verbinden. Das Buch erzählt eine Geschichte, die den Leser nicht so schnell loslässt und sich vermutlich auch wunderbar als Verfilmung eignen würde.
Meine Bewertung

Hinweis: Keine bezahlte Werbung.
Coverabbildung: © C. H. Beck Verlag, verwendet im Rahmen der Buchbesprechung
| ISBN: | 978-3-406-82977-2 |
| Sprache: | Deutsch |
| Ausgabe | Gebundenes Buch |
| Seitenzahl | 590 |
| Verlag | C.H.Beck Verlag |
| Erscheinungsdatum: | 26.08.2025 |
Ein Mix aus gesellschaftskritischer Erzählung und fesselndem Thriller.

